Frühkindliche Reflexe (auch: primitive Reflexe) entstehen vor der Geburt im Mutterleib.
Das Baby trainiert bereits für die Geburt und das Überleben „an Land“.

Insgesamt gibt es über 70 verschiedene frühkindliche Reflexe, die alle ihren Platz in der (früh)kindlichen Entwicklung haben.
Allerdings beschäftigen wir uns in der Regel nur mit einem Bruchteil von ihnen. Schon bei der U1 überprüft der Kinderarzt/die Kinderärztin, ob die frühkindlichen Reflexe vorhanden sind.
Bei einem reif geborenen Baby sollten alle frühkindlichen Reflexe direkt nach der Geburt aktiv sein.

Frühkindliche Reflexe sind – im Gegensatz zu lebenslangen Reflexen (wie der Lidschlussreflex, der Patellarsehnenreflex, usw.) – nur eine gewisse Zeit aktiv. Und sie entwickeln sich: sie erstarken, haben einen Höhepunkt und werden danach in die willkürlichen Bewegungsmuster integriert oder vollständig gehemmt.

Zum Beispiel kommt ein Baby mit einem vollständig entwickelten Greifreflex (Palmar-Reflex) auf die Welt. Vor der Geburt ist dieser Reflex herangereift. Mit den Wahrnehmungs- und Bewegungserfahrungen nach der Geburt wird der Greifreflex langsam in das willkürliche (= absichtsvolle) Greifen integriert, bis der Reflex nicht mehr auslösbar ist.

Jeder frühkindliche Reflex hat zudem eine sogenannte „Waltezeit“ (Bobath), in der er aktiv sein MUSS, um die Entwicklung voranzubringen.

 

Wurde ein frühkindlicher Reflex gehemmt oder integriert, ist er dennoch nicht einfach weg, sondern wurde eher von anderen motorischen Mustern überlagert.
Nach Hirnschädigungen wie Schlaganfall, Hirnblutung, aber auch degenerativen Erkrankungen wie Demenz, Morbus Parkinson, usw. treten die frühkindlichen Reflexe wieder in Erscheinung.
In unserem Alltag arbeiten wir täglich unbewusst daran, dass die frühkindlichen Reflexe integriert/gehemmt bleiben.
Bei Bewegungsmangel (z.B. im Alter) ist es auch möglich, dass frühkindliche Reflexe wieder aktiv werden. Das nennt man dann „Enthemmung“.

Wann werden Reflexe zum Zum Stolperstein?

Zum Stolperstein werden frühkindliche Reflexe, wenn sie nicht zeitgerecht oder nicht vollständig gehemmt oder integriert werden.
Dies kann viele Ursachen haben, die im Nachhinein oft nicht mehr nachvollziehbar sind oder teilweise nicht zu verhindern waren.
In der Schwangerschaft können zum Beispiel Bewegungsmangel (teilweise ärztlich verordnet) oder viel Angst und Stress, Drogen, Alkohol, Medikamente, usw. der Grund sein.
Unter der Geburt spielen dann alle Dinge, die von einer vaginalen Geburt in der vorderen Hinterhauptslage abweichen, eine Rolle: Kaiserschnitt, PDA oder Maßnahmen wie Zange, Saugglocke und das Kristeller-Manöver, Sternengucker, Steißlage, usw.
Auch das lässt sich nicht immer vermeiden und kann medizinisch notwendig sein.

Großen Einfluss haben wir allerdings auf das Handling der Babys und Kleinkinder. Mittels Wippen, Wiegen, Gehfrei und sonstigen Hilfsmitteln können – wenn sie häufig und lange eingesetzt werden – wichtige Meilensteine der Entwicklung verhindert werden (die WHO empfiehlt übrigens, Wippen & Co im 1. Lebensjahr NICHT zu nutzen!).
Den Kindern fehlen dann oft die Bewegungserfahrungen, um die frühkindlichen Reflexe eigenständig zu integrieren/hemmen. Denn eigentlich muss das Kind dabei nicht von außen unterstützt werden – die Bereitung des „Bodens“ (im wahrsten Sinne des Wortes) ist völlig ausreichend.
Auch eine falsch verstandene Förderung, bei der der physiologischen Entwicklung vorausgegriffen wird, kann ebenso Ursache sein.
Das Kind also hinzusetzen oder hinzustellen, obwohl es diesen Entwicklungsschritt noch nicht von alleine erworben hat, fördert eher pathologische Muster und Kompensationsmechanismen und lässt die frühkindlichen Reflexe aktiv bleiben.

Was sind persistierende frühkindliche Reflexe?

Frühkindliche Reflexe, die über ihren Zeitraum hinaus aktiv sind, nennt man „persistierende frühkindliche Reflexe“ oder auch „Restreaktionen frühkindlicher Bewegungsmuster“.
Diese wirken sich dann negativ auf die motorische Entwicklung, das Verhalten, die willkürliche Interaktion mit der Umwelt, die sensorischen Integration, die Wahrnehmung, die Kognition, das Ausdrucksvermögens und das Lernen aus.
Zusammengefasst spricht man dann von einer „neuromotorischen Unreife“.

Leider werden die meisten Kinder erst im Grundschulalter auffällig, denn die meisten Kinderärzte überprüfen nur im 1. Lebensjahr, ob die frühkindlichen Reflexe aktiv sind und nicht, ob sie auch zeitgerecht wieder verschwinden.

Die persistierenden frühkindlichen Reflexe können nachträglich integriert und gehemmt werden.
Je früher, desto besser!

Literatur*

Greifen und BeGreifen“ – Sally Goddard Blythe
Neuromotorische Schulreife“ – Sally Goddard Blythe
Flügel und Wurzeln“ – Dorothea Beigel
Bewegungen, die heilen“ – Dr. Harald Blomberg
Angeborene Fremdreflexe“ – Robby Sacher
Entdeckungsgeschichte frühkindlicher Reflexe“ – Claudia Kotter
Neuromotorische Unreife bei Kindern und Erwachsenen“ – Sally Goddard Blythe

 

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Über mich

Mein Name ist Lisa Brandl-Sommerfeld und ich bin Logopädin und Legasthenie-Trainerin (EÖDL) von Beruf.
Ich arbeite an einer Schule für geistige Entwicklung.
Mit den frühkindlichen Reflexen beschäftige ich mich schon seit über 10 Jahren.
Wer mehr über das Thema wissen möchte, findet mich auf logosaurus.de und bei Instagram unter @der_logosaurus.

Judith Hopf ist Sport- und Ergotherapeutin und arbeitet in Essen in einer Praxis mit dem Schwerpunkt Pädiatrie und Psychiatrie . Im memole Interview erzählt sie auf welchen Umwegen sie zur Ergotherapie kam und was sie bei MIT HERZ & HOPF 2021 vorhat.

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Artikel zum Thema „Urlaub“ – 2. Teil

In meinem ersten Beitrag vom konnte ich bereits einige Fragen rund um das Thema „Urlaub“ beantworten. In diesem Beitrag möchte ich unter anderem darauf eingehen, welche Regeln bei Schwangerschaft, Mutterschutz oder Elternzeit bestehen und wie mit Resturlaubsanspruch umgegangen wird, wenn das Arbeitsverhältnis endet.

Gastautorin Rechtsanwältin Nadine Seidel ist erfahrene Expertin für das Thema Urlaubsrecht für Therapeuten aus Berlin.

1. Haben Schwangerschaft und Mutterschutz Einfluss auf den Urlaubsanspruch?

Der Urlaubsanspruch wird durch Zeiten der Schwangerschaft oder des Mutterschutzes nicht berührt. Das bedeutet, dass deinen Mitarbeiterinnen auch für diese Zeiträume Urlaubsansprüche entstehen.

Die Urlaubsansprüche verfallen aber nicht – wie sonst üblich – am Ende des jeweiligen Kalenderjahres. Nach Ende des Mutterschutzes können deine Mitarbeiterinnen gemäß § 24 Mutterschutzgesetz (MuSchG) ihre vor und während des Mutterschutzes entstandenen Urlaubsansprüche entweder im laufenden oder nächsten Kalenderjahr in Anspruch nehmen. Besonderheiten ergeben sich, wenn sich an den Mutterschutz die Elternzeit anschließt.

 

Fallbeispiele

Deine Mitarbeiterin hatte vor Beginn des Mutterschutzes noch 5 Urlaubstage. Der Mutterschutz beginnt am 22. Juli 2019. Ihr Kind kommt am 9. September 2019 zur Welt. Endete der Mutterschutz nach acht Wochen am 4. November 2019, muss deine Mitarbeiterin ab dem 5. November 2019 wieder arbeiten Der vor und während des Mutterschutzes entstandene Urlaub kann dann noch in der Zeit vom 5. November 2019 bis zum 31. Dezember 2020 beansprucht werden.
Nimmt deine Mitarbeiterin im vorstehenden Fallbeispiel Elternzeit in der Zeit vom 9. September 2019 bis einschließlich zum 8. September 2020, kann sie die vor und während des Mutterschutzes entstandenen Urlaubsansprüche in der Zeit vom 9. September 2020 bis zum 31. Dezember 2021 in Anspruch nehmen.

2. Entsteht auch während der Elternzeit ein Urlaubsanspruch?

Auch während der Elternzeit entsteht deinen Mitarbeiterinnen ein Urlaubsanspruch. Das bedeutet, dass deine Mitarbeiterinnen für diese Zeit Urlaubstage ansammeln und nach dem Ende der Elternzeit im laufenden oder folgenden Kalenderjahr in Anspruch nehmen können.

Der Arbeitgeber ist aber gemäß § 17 Abs. 1 Gesetz zum Elterngeld und zur Elternzeit (BEEG) berechtigt, den Urlaubsanspruch für jeden vollen Kalendermonat der Elternzeit in Vollzeit um ein Zwölftel des Jahresurlaubsanspruchs zu kürzen.

 

Fallbeispiele

Deine Mitarbeiterin hat einen jährlichen Urlaubsanspruch von 24 Tagen. In der Zeit vom 1. November 2019 bis zum 31. August 2020 (10 Monate) nimmt sie Elternzeit. Für diesen Zeitraum entsteht ihr grundsätzlich ein Urlaubsanspruch von 20 Tagen, der aber vom Arbeitgeber vollständig gekürzt werden kann.
Besteht die Elternzeit vom 5. November 2019 bis zum 4. August 2020, kann der Urlaub nur für die Monate Dezember 2019 bis Juli 2019 gekürzt werden. Für die Monate November 2019 und August 2020 gibt es keine Kürzungsmöglichkeit, weil in diesen Monaten die Elternzeit nicht für den vollen Monat besteht.

Um den Urlaubsanspruch wirksam kürzen zu können, musst du dies deinen Mitarbeiterinnen (vorsorglich schriftlich) mitteilen. Die Erklärung kann vor, während oder auch nach der Elternzeit erfolgen. Wird das Arbeitsverhältnis direkt im Anschluss an die Elternzeit beendet und erfolgt keine Erklärung zur Kürzung des während der Elternzeit entstandenen Urlaubsanspruchs, steht deinen Mitarbeiterinnen ggf. ein Anspruch auf finanzielle Abgeltung der Urlaubstage zu.

 

3. Kannst du die Urlaubsansprüche auch während der Elternzeit in Teilzeit kürzen?

Arbeiten deine Mitarbeiterinnen während der Elternzeit in Teilzeit, können die in dieser Zeit entstandenen Urlaubsansprüche nicht gekürzt werden. Wie viele Urlaubstage in der Elternteilzeit tatsächlich entstehen, richtet sich danach, an wie vielen Tagen pro Woche deine Mitarbeiterinnen arbeiten (vgl. Ausführungen in meinem Beitrag unter Punkt 1).

4. Was passiert mit dem Urlaubsanspruch bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses?

Wieviel Resturlaub deine Mitarbeiterinnen bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses noch haben, hängt zunächst davon ab, zu welchem Zeitpunkt im Jahr das Arbeitsverhältnis endet.

Endet das Arbeitsverhältnis vor dem bzw. mit Ablauf des 30. Juni, entsteht der Urlaubsanspruch für das Kalenderjahr nur anteilig bis zum Beendigungstag.
Dagegen haben deine Mitarbeiterinnen Anspruch auf den vollen Jahresurlaub, wenn das Arbeitsverhältnis zwischen dem 1. Juli und dem 31. Dezember endet.

Kann der Resturlaub aus dringenden betrieblichen Gründen oder wegen vorrangiger (z. B. weil schon genehmigter) Urlaubswünsche anderer Mitarbeiterinnen vor der Beendigung nicht gewährt werden, ist er auszuzahlen. Für die Berechnung der Urlaubsabgeltung kannst du für eine Mitarbeiterin mit einer 5-Tage-Woche folgende Berechnungsformel anwenden:

Urlaubsabgeltung = Bruttogehalt für 13 Wochen / 65 Arbeitstage x Resturlaubstage

Das Bruttogehalt für 13 Wochen entspricht dem Gehalt für ein Quartal, insgesamt also drei Bruttomonatsgehälter. Arbeitet deine Mitarbeiterin in einer 6-Tage-Woche oder an weniger als 5 Tagen in der Woche, ist die Berechnungsformel hinsichtlich der Anzahl der Arbeitstage wie folgt anzupassen:

  • 6-Tage-Woche: Quartalsgehalt / 78 Arbeitstage x Resturlaubstage,
  • 4-Tage-Woche: Quartalsgehalt / 52 Arbeitstage x Resturlaubstage,
  • 3-Tage-Woche: Quartalsgehalt / 39 Arbeitstage x Resturlaubstage,
  • 2-Tage-Woche: Quartalsgehalt / 26 Arbeitstage x Resturlaubstage.

 

Fallbeispiele

Deine Mitarbeiterin erhält für ihre Tätigkeit in einer 5-Tage-Woche ein Bruttomonatsgehalt in Höhe von 3.300 € und sie hat bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses noch 13 Urlaubstage. Die Urlaubsabgeltung beträgt:

(3 x 3.300 €) / 65 Arbeitstage x 13 = 1.979,99 €

Im Gegensatz zum vorigen Fallbeispiel arbeitet deine Mitarbeiterin in einer 4-Tage-Woche. Die Urlaubsabgeltung wird dann wie folgt berechnet:

(3 x 3.300 €) / 52 Arbeitstage x 13 = 2.474,99 €

 

 

Gastautorin bei memole ist Rechtsanwältin Nadine Seidel, Fachanwältin für Arbeitsrecht in Berlin. Du erreichst sie:

Frau Nadine Seidel
Fachanwältin für Arbeitsrecht

Steinkühler – Kanzlei für Arbeits- und Gesellschaftsrecht
Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB
Schillerstraße 3
10625 Berlin
Tel: (030) 31 80 59 40
se@steinkuehler-legal.com
www.steinkuehler-legal.com

In diesem Interview erfährst du, wie Christine zu ihrer Ausbildung gekommen ist und warum sie mit dem Weiterbilden einfach nicht aufhört.

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Shownotes:

Hier kannst du dich über den Onlinekurs “Taping in der Logopädie” informieren.