– die möglichen Zusammenhänge

Visuelle Aspekte in der LRS Diagnostik und Therapie für Logopäd*innen und

Ergotherapeut*innen

Von all den Schulanfänger*innen, die nach den Sommerferien noch mit viel Elan in den Schulalltag gestartet sind, bleiben in der Regel nach dem ersten Schulhalbjahr nur noch ca. 50% der Kinder übrig, die mit Freude zur Schule gehen.

(Quelle: “Fehler muss man sehen” von Dr.med. Heike Schuhmacher).

Bei vielen dieser Kinder wird bald klar, dass das Erlernen von Lesen und Schreiben schwerfällt. Sie können sich nur schwer konzentrieren und machen nur sehr langsam Fortschritte. Mal ist es auffälliger, mal weniger auffällig – aber oft fragst du dich vielleicht, ob das Kind eigentlich gut sieht?

In der Regel wurden die Kinder schon augenärztlich untersucht, ohne Befund. Das heißt, es bestehen keine Augenerkrankungen und die Augen erreichen eine ausreichende Sehleistung, wenn notwendig auch mit einer Korrekturbrille. Im Laufe der Zeit, wenn die Schwierigkeiten bestehen bleiben, wird dann oft die Diagnose „LRS“ gestellt.

Und trotzdem werden die Eltern und aufmerksame Therapeut*innen den Verdacht nicht los, „dass etwas mit den Augen nicht stimmt “. Eine ausführliche visuelle Analyse zeigt dann in fast allen Fällen, dass Störungen der Sehfunktionen vorliegen. Und gutes Sehen ist so viel mehr als nur eine gute Sehleistung! Lesen, Schreiben, von der Tafel Abschreiben sowie ausdauernde Konzentration sind Leistungen, die wir einfach als gegeben annehmen, wenn es denn klappt. Aber damit das klappt, muss ganz vieles optimal zusammenspielen.

Wie kommt denn eigentlich gutes Sehen zustande?

Die Augen müssen nicht nur einzeln gut funktionieren, sondern sie müssen auch als Team zusammenarbeiten und verschiedene Aufgaben erfüllen: Das Augenpaar muss zum Beispiel gemeinsam flüssige Augenbewegungen in alle Richtungen ausführen können. Auch präzise Blicksprünge müssen gemeinsam exakt ausgeführt werden können.

Beispiele sind das Lesen und Abschreiben. (Augenfolgebewegungen, Blicksakkaden) Eine weitere Aufgabe ist das Scharfstellen. Wie bei einem Fotoapparat muss das Auge sich auf Objekte in unterschiedlicher Entfernung immer wieder neu fokussieren. Auch hier gibt die Schule ein wunderbares Beispiel her, nämlich den Blickwechsel von der Wandtafel zum Heft und umgekehrt. (Akkommodation)

Dann müssen die Augen gemeinsam in der Lage sein, Objekte in verschiedener Entfernung fixieren zu können. Dazu muss sich das Augenpaar auf unterschiedliche Winkel einstellen, zum Beispiel von einer Vorlage zum Bildschirm oder vom Schreibheft zur Wandtafel. (Vergenzen)

Dem Gesehenen muss aber auch eine Bedeutung gegeben werden. Wir müssen dem korrekt erfassten Objekt einen Sinn geben um die so erhaltene Information entsprechend verwerten zu können. Wenn du zum Beispiel jedes Mal neu lernen müsstest, wozu eine Tasse dient oder dass der auf dich zu fliegende Ball gleich auf deiner Nase landen wird, wäre das sehr anstrengend. (Wahrnehmung)

Bei einigen Kindern stimmt die visuelle Mitte nicht mit der körperlichen Mitte überein, die Selbstwahrnehmung ist dadurch permanent in Unruhe. Hier sind typische Schwierigkeiten z. B. das Unterscheiden von d/b, q/p (ist der „Bauch“ des Buchstabens rechts oder links vom Strich?). Das gute Sehen besteht aus all diesen Teilbereichen, die flüssig ineinandergreifen. Gutes Sehen in dieser Definition ist unerlässlich für eine gute Konzentrationsfähigkeit. Normalerweise passiert das alles ganz unbewusst. Anhand der Beispiele aus der Schule kannst du dir jetzt bestimmt vorstellen, was für eine Herausforderung der Schulalltag an das visuelle System stellt.

Dass ein LRS Training bei Vorliegen dieser Defizite nicht so erfolgreich sein kann wie gewünscht wird jetzt vermutlich verständlich. Ein Defizit in einem oder mehreren dieser Teilbereiche kann durch Störungen in der kindliche Entwicklung während der Schwangerschaft, des Aufrichtungsprozesses oder spätere Einflüsse entstanden sein. Gutes Sehen kann durch ein Visualtraining bei einem Funktionaloptometristen erlernt und erlangt werden. Bei vielen Schulkindern kann damit das Lesen und Schreiben deutlich verbessert und deutlich anstrengungsfreier werden.

Symptome:

  • Die betroffenen Kinder sehen die Buchstaben z.B. verschwommen, tanzend, doppelt, mit wenig Kontrast oder berichten von anderen Phänomenen. Die Kinder werden diese Wahrnehmungen in der Regel aber nicht von sich aus äußern, denn für das Kind ist dieser Zustand normal und es glaubt, auch alle anderen Menschen sehen so.
  • Typisch ist auch eine kurze Konzentrationsspanne.
  • Kopfschmerzen, gerötete Augen und Lichtempfindlichkeit sind nicht selten.
  • Bei vielen betroffenen Kindern ist die Schreibhaltung auffällig. Kopfdrehung, Körperdrehung oder
  • Verschieben des Blattes zu einer Seite können typische Kompensationsstrategien sein.
  • Auch das Abdecken eines Auges mit einer langen Haarsträhne kann beobachtet werden.

Schulkinder, die ihre Sehfunktionen erfolgreich trainieren, kommen an einem individuellen Punkt des Trainings manchmal strahlend an und erzählen, dass sie freiwillig ein Buch gelesen haben und was für tolle Geschichten darin erzählt wurden.

Solche Momente sind besonders wertvoll und sorgen für Freude bei Kind, Eltern und Trainer*innen. Ein wichtiger Schritt ist getan! Kompetente Ansprechpartner*innen für das Thema Augen und LRS sind der / die Funktionaloptometrist*in.

Eine*n Funktionaloptometrist*in in deiner Nähe findest du unter:

wvao.org/expertenfinden-suche/ oder bei boaf-eu.org/fosearch

Über die Gastautorin Christine Ambühl

Christine ist 1967 in der Schweiz geboren und hat 1987 ihre vierjährige Ausbildung zu Augenoptikerin erfolgreich abgeschlossen. Seither haben sie die Themen Augen und Sehen nie mehr losgelassen und sie konnte in ihrer langjährigen Berufspraxis immer wieder ihr Wissen erweitern. Die letzten 18 Jahre als Augenoptikerin hat sie in Gstaad, dem berühmten Kurort im wunderschönen Berner Oberland, gearbeitet.

Ende 2012 führte sie dann die Liebe nach Deutschland, genauer nach Mülheim an der Ruhr. In Mülheim hat sie in einem Funktionaloptometristen den perfekten Mentor gefunden, um ihr Wissen enorm zu ergänzen. Schon lange war ihr klar, dass der ideale Sehprozess nicht isoliert von anderen Funktionen und Gegebenheiten unseres Körpers gelingen kann und dass gutes Sehen nicht alleine von der Sehleistung der Augen abhängt. Den hochkomplexen Sehprozess und was alles damit zusammenhängt erlebt und vermittelt sie seither ganz individuell im Visualtraining mit einem Klientel, das hauptsächlich aus Grundschulkindern besteht. Körperübungen gehören für sie zum Visualtraining, dafür hat sie verschiedene Fortbildungen besucht.

Die Weiterbildung im Bereich der sensorisch integrativen Mototherapie SIM hat ihr buchstäblich die Augen geöffnet, vor allem im Bereich der persistierenden frühkindlichen Reflexe und plötzlich haben sich ganz viele bisher noch offene Fragen geklärt.

Die Schulung zum Tomatis® Practitioner und Consultant hat ihr zusätzlich die Welt des (zu)Hörens neu erschlossen und passend dazu hat die Fortbildung zum Thema Gleichgewicht bei Dorothea Beigel das Ganze abgerundet.

Immer wieder stellte sie fest, dass ein ganzheitliches Entwicklungstraining, früh genug durchgeführt, vermutlich ganz viel Kummer und Schulfrust hätte vermeiden können. Deshalb hat sie das S I N E Präventions – Konzept entwickelt, um diese Lücke in der Prävention von Schulproblemen und Früherkennung von möglichen Problembereichen zu füllen. Aber auch bei bereits bestehenden Schulproblemen greift ihr ganzheitliches Konzept. Sie gibt ihr Konzept in Onlinecoachings an Fachpersonen und Eltern weiter. Je mehr Menschen diese Zusammenhänge verstehen, um so mehr Kindern kann geholfen werden.