Was sind eigentlich Sketchnotes?

Gastautorin Anne Knetsch ist Klinische Linguistin aus Gießen. Sie behandelt vorwiegend neurologische Patienten und war schon immer gerne kreativ. Vor 1,5 Jahren hat sie das Thema „Sketchnoting“ für sich entdeckt. Für memole hat Anne bereits für zwei Kurse hilf- und lehrreiche visuelle Zusammenfassungen erstellt.

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Am besten kann man das wohl aus dem Wort ableiten. Es handelt sich dabei um eine Verbindung aus Schrift (notes) und Zeichnung bzw. Skizze (sketch). Im Deutschen wird auch manchmal die Bezeichnung „visuelle Notizen“ verwendet. Sketchnotes werden in unterschiedlichen Kontexten genutzt; z. B. zur Verbildlichung von Meetings, Vorträgen, Präsentationen und Fortbildungen, aber auch zum Brainstorming oder privat zum Festhalten von Reiseerinnerungen. Eine Sketchnote kann zum einen live, also zum Beispiel direkt während eines Vortrags, angefertigt werden. Dann spricht man meist von einem „Graphic Record“, also einer „grafischen Aufzeichnung“. In diesem Artikel soll es jedoch heute um Sketchnotes gehen, die nicht live angefertigt werden.

Wie funktioniert erinnern?

Dazu lohnt es sich, zunächst die Arbeitsweise des Gedächtnisses genauer anzuschauen. Da Informationen im Kurzzeitgedächtnis (KZG) nur ca. 30 Sekunden gespeichert werden können, müssen diese, damit man sie später erinnern kann, notwendigerweise in das Langzeitgedächtnis (LZG) übertragen werden. Dabei gilt, dass nur bei guter Speicherung ein akkurater Abruf gelingt. Das reine Wiederholen des Stoffes bewirkt dabei häufig keine stark verbesserte Speicherung der Inhalte im LZG. Besser geeignet scheint eine Verarbeitung mit Einbezug der Bedeutung. Bei dieser Art der Wiederholung werden die Inhalte mit anderen Gedächtnisinhalten verknüpft und auf diese Weise fester im Gedächtnis verankert. Je mehr Bezüge und Verbindungen zu schon vorhandenem Wissen gebildet werden können, desto besser gelingt die Speicherung, und damit auch der Abruf. Es werden dauerhaftere und leichter abrufbare Gedächtnisspuren hinterlassen.

Die aktive Auseinandersetzung mit den Lerninhalten

Eine aktive Auseinandersetzung mit dem zu lernenden Stoff und die Verknüpfung mit schon bestehendem Vorwissen ist demnach unerlässlich für eine gute Verankerung und einen schnellen Abruf der Inhalte im Langzeitgedächtnis. Dies passiert während der Erstellung einer Sketchnote automatisch. Man versucht zunächst, die jeweiligen Inhalte zu visualisieren. Dabei beschränkt man sich auf die für das Verständnis wichtigsten Hauptpunkte. Anschließend versucht man, die Punkte zu strukturieren. Durch die räumliche Anordnung und die Verbindung zwischen Punkten auf dem Blatt kann man Beziehungen zwischen Ihnen verdeutlichen und Zugehörigkeit ausdrücken. Diese erkennt man häufig auf den ersten Blick. Ein komplexes Thema kann oft gar nicht linear ausgedrückt werden. Dabei gehen viele Zusammenhänge verloren, die mit Hilfe der räumlichen Aufteilung einer Sketchnote besser dargestellt werden können. Da jeder Mensch aufgrund seiner Vorerfahrungen andere Prioritäten setzt, werden fünf unterschiedliche Menschen wahrscheinlich fünf unterschiedliche Sketchnotes zum gleichen Thema anfertigen. Auch die Bildsprache wird sich von Person zu Person unterscheiden. Ich sehe das auch als eine Stärke von Sketchnotes. Jeder kann die für sich beste Ausgestaltung wählen. Das Ziel ist es schließlich, die Inhalte für sich selbst verständlicher zu machen um sich später besser daran erinnern zu können.

Was sind die Vorteile der Arbeit mit Bildern und Text?

Eine aktive Auseinandersetzung mit einem Thema, ist natürlich kein Alleinstellungsmerkmal des Sketchnoting. Was also sind die Vorteile der Arbeit mit Bildern UND Text? Bei der Verarbeitung von Bildern auf der einen und Worten auf der anderen Seite nutzt das Gehirn unterschiedliche Repräsentationen in unterschiedlichen Hirnarealen. Das wird auch als „Dual-Coding-Theory“ (Theorie der dualen Kodierung) bezeichnet. Es wurde in Untersuchungen festgestellt, dass Menschen bessere Gedächtnisleistungen erbringen, wenn Infos sowohl schriftlich als auch bildlich angeboten werden, also zwei unterschiedliche Kanäle benutzt werden. Eine doppelte Präsentation in zwei unterschiedlichen Modalitäten vereinfacht dadurch später den Abruf deutlich.

Der Picture Superiority Effect

Die Theorie des „Picture Superiority Effect“ geht davon aus, dass Bilder bei der Informationsaufnahme im Vergleich mit Schrift im Vorteil sind. Wenn Menschen mit Bildern von (konkreten) Begriffen konfrontiert werden, wird automatisch auch die Bezeichnung aktiviert.

Best Practice für Komplexes

All diese Punkte veranschaulichen sehr deutlich, dass Sketchnotes eine passende Methode zum Lernen, Merken und Erinnern darstellen. Sie können aber auch eingesetzt werden, um Themen für sich selbst zu erschließen oder zu verstehen. Sketchnotes machen viele Dinge erst greifbar, dadurch dass man sie aus seinem Kopf auf das Papier bringt. Die Gedanken werden strukturiert und man verschafft sich einen Überblick über das Thema. Auch komplexe Themen können so übersichtlich visualisiert werden. Vielleicht sieht man das Thema aus einer anderen Perspektive und kann es auf ganz andere Weise verstehen. Nicht zuletzt sind sie daher ebenso empfehlenswert, um Gedanken zu reflektieren und können helfen, Entscheidungen in Bezug auf ein bestimmtes Thema zu treffen.

Empfehlenswerte Bücher zum Thema*

• Brandy Agerback – „The Idea Shapers. The power of putting your thinking into your own hands.“
• Nadine Roßa – „Sketchnote in der Schule. Unterrichtsinhalte leicht darstellen und merken.“
• Anja Weiss – „Sketchnotes & Graphic Recording. Eine Anleitung.“
• Tanja Wehr – „Die Sketchnote Starthilfe.“ und „Die Sketchnote Starthilfe. Neue Bilderwelten.“

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